
Kids for Forests
2002 hat Greenpeace Russland ein über viele Jahre angelegtes Wiederaufforstungs-Projekt gestartet.
Mit den Bäumen verschwand das Wissen
Wo der Mensch siedelt, verwandelt er Urwald in Äcker und Weiden. Wenn vom ursprünglichen Baumbewuchs kaum etwas bleibt, sind oftmals Bodenerosion und Überschwemmungen die Folge. So wie in großen Gebieten südlich von Moskau.
Greenpeace Russland hat deshalb 2002 ein über mehrere Jahre angelegtes Projekt ins Leben gerufen, in dem Schulklassen Waldgebiete renaturieren. Damit wollen die Kollegen aus Moskau zweierlei erreichen. Zum einen soll wieder Wald entstehen, der vor Stürmen schützt, die Erde festhält, Wasser speichert und Tieren Lebensraum bietet. Zum anderen geht es ihnen um die Bewusstseinsbildung bei Kindern und Jugendlichen. Wälder spielen in der russischen Mythologie und Kultur eine große Rolle. Das Wissen um Anlage und Pflege von Forsten ist jedoch im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verloren gegangen.
Eine Idee macht Schule
Bis zum Frühjahr 2007 haben sich fast 200 Schulen an der Aktion beteiligt. Als erstes bekamen sie Samen und Setzlinge für eine Baumschule, die unter der Anleitung von Greenpeace-Mitarbeitern gleich neben den in Russland üblichen Schulgärten angelegt wurden. Pinien, Lärchen, Eichen, Walnuss und wilde Birnen sind die Bäume der Region. In einer mittelgroßen Baumschule wachsen pro Jahr etwa 1000 Setzlinge heran. Ebenfalls mit Hilfe von Greenpeace lernen die Kinder dann in Zeltlagern vor Ort, wie man die Pflänzchen richtig setzt.
Damit die Idee und das Wissen sich verbreiten und die Arbeit auch in Eigeninitiative weitergeht, hat Greenpeace Russland ein Handbuch für Lehrer verfasst und verteilt es in ländlichen Gebieten. „Wie pflanzt man einen Wald“ informiert, wie Setzlinge gepflegt werden und was bei der Renaturierung entwaldeter Gebiete zu beachten ist.
In den nächsten Jahren soll die Zahl der teilnehmenden Schulen weiter steigen, und mittelfristig will Greenpeace das Projekt auch auf andere russische Regionen ausweiten.
Mit jährlichen Überweisungen trägt die Umweltstiftung Greenpeace dazu bei, dass zum Beispiel eine Projektstelle, Reisen, der Druck des Handbuchs und die Organisation der Zeltlager bezahlt werden können. Vergleichsweise wenig Geld bewirkt hier viel. In den ersten fünf Projektjahren wurden rund 190 Baumschulen angelegt und fast 140.000 Setzlinge in Aufforstungsarealen ausgepflanzt. Bald werden es viele Gebiete sein, in die mit den Bäumen vielfältiges Leben zurückkehrt.
"Kids for Forests - Wir holen uns unsere Wälder zurück"
2005 und 2006 haben die russischen Greenpeacer im Aufforstungsprojekt einen neuen Akzent gesetzt. Viel Zeit und Energie haben sie aufgewendet, um die jungen Wälder künftig besser vor Feuern zu schützen. Denn auch wenn darüber nicht Buch geführt wird: Viele der sorgfältig von Schulkindern gesetzten Bäumchen überleben nicht, weil jedes Frühjahr Brände die Vegetation vernichten.
Die Berlinerin Henrike Bartels, die nach einem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) bei Greenpeace Russland ehrenamtlich für die Umweltschützer in Moskau arbeitete, erzählt: „Wenn der Schnee schmilzt und die Leute ihre Felder bestellen wollen, fackeln sie traditionell das Unkraut einfach ab.“ Diese Brände geraten häufig außer Kontrolle, kilometerweit, schildert die 27-Jährige, steht dann der Rauch über dem Land. Für die Greenpeace-Arbeit ist das doppelt fatal: Wegen des Verlustes an Bäumen – und weil die Kinder die Lust zu neuen Pflanzaktionen verlieren, wenn sie ihre Setzlinge aus dem Vorjahr zerstört vorfinden.
In intensiver Kleinarbeit, Dorf um Dorf, haben die Greenpeacer deshalb Kontakt mit den örtlichen Feuerwehren aufgenommen, haben informiert, erklärt und darum gebeten, dass Brände auf den Pflanzarealen gelöscht werden. Doch selbst wenn die Bereitschaft dazu besteht: Oft mangelt es an Fahrzeugen und Personal, und wenn es brennt, werden zunächst Menschen und Häuser geschützt. Deshalb heißt eine weitere Strategie: Feuer ausbremsen. „In fast jedem Ort, in dessen Nähe eine neue Pflanzung entstanden ist“, berichtet Henrike, „haben wir einen Bauern mit Traktor dazu bewegt, dass er um unsere neuen Wäldchen drei Meter breite Erdschneisen anlegt, über die Flammen nicht so leicht springen können.“
Was die Greenpeacer im fünften Jahr nach Start des Aufforstungsprojekts als großen Erfolg ihrer unbeirrten Kleinarbeit werten: Zunehmend organisieren Schulen die Pflanzaktionen im Herbst eigenständig. Im Schneeballsystem breitet sich die Kampagne in den kahlen, durch Bodenerosion und Trockenheit gekennzeichneten zentralrussischen Provinzen aus. Von den 25 Camps dieses Jahres kamen 14 ohne Greenpeace-Hilfe aus. Nur noch bei elf rückten die Umweltschützer mit Spaten und Eimern an, mit Kochtöpfen und Lebensmitteln, mit „Achtung, hier wurde Wald gepflanzt“- Schildern und Zement, um diese sicher aufzustellen. In den kommenden Jahren will Greenpeace nun neue Schulen in das Projekt aufnehmen und in anderen Regionen mit dem Aufforstungsprogramm starten.
Doch gleich, ob Greenpeace oder die Schulen die Vorarbeiten übernehmen: Das „Kulturprogramm“ mit Liedern, Gedichten und Malwettbewerben gehört immer dazu, ein Brauch noch aus Sowjetzeiten. Gleichzeitig sind die Dorfkinder voll auf der Höhe der Zeit: Handys, berichtet Henrike Bartels amüsiert, klingelten überall und ständig.




